Vanessa, die Raupe

Solange sie denken konnte war Vanessa, die Raupe, ein „geistiger Sucher” gewesen. Eigentlich war ihr richtiger Name Vanessa Atlanta, aber der Einfachheit halber nannte man sie Vanessa.

Sie hatte viele Bücher gelesen, unzählige Vorlesungen der klügsten Raupen des Kohlfeldes gehört, hatte ganz spezielle „Raupen-Yoga-Stunden” besucht und auf jede andere denkbare Weise nach dem wunderbaren Sein-Zustand hinter dem Raupendasein gesucht. Sie wusste sehr wohl, dass es diesen Sein-Zustand gab. Wenn sie auch für dieses Wissen nur Spott zu hören bekam, besonders von den Ohrwürmern und Schnecken. Das Problem, dass sie fast um den Verstand brachte war, wie sie diesen angestrebten Zustand erreichen konnte.

Nach Monaten unermüdlichen Strebens und nach einer dreistündigen Meditationssitzung auf einem Brennnesselblatt – dieser Ort war ihr von klugen Leuten als förderlich für ihr geistiges Wachstum empfohlen worden – sagte Vanessa, die Raupe:

„Es ist genug! Jetzt reicht es! Ich kann es nicht, und ich will es auch nicht mehr! Schluss, aus, ohne mich !”

Sie kroch langsam an eine geschützte Stelle unter einem Blatt und beschloss, sich auf das Sterben vorzubereiten.

Sie begann, sich mit raschen schwingenden Bewegungen einzupuppen. Als die schützende Hülle um sie geschlossen war, überkam sie ein großer Frieden. Ein Mantel von Dunkelheit und Wärme umschloss sie. Sie hörte ein leises Summen und erfuhr eine fast unglaubliche Bewegung tief in ihrem inneren. Aber sie schien keinen Anteil daran zu haben. Wenn dies der Tod war, so hieß sie ihn herzlich willkommen.

Draußen in der Welt voll Licht und Sonne wurde es Frühling. In der jetzt weißlich-grauen Puppe, die Vanessa umgab, begann sich etwas zu regen. Die Hülle aus Wärme und Dunkelheit öffnete sich.

Ich lebe !” dachte die Raupe. „Ich lebe immer noch! Ich spüre Wind und Sonnenwärme.”

Und ehe sie noch recht wusste was geschah, saß sie auf einem Blatt und betrachtete erstaunt ihre Füße. Wo waren ihre Raupenbeine geblieben? Wo die Saugfüße… ?

 

Auf dem Blatt vor ihr lag ein großer, schimmernder Tautropfen und Vanessa spiegelte sich darin. Sie sah ein wunderschönes Wesen mit herrlichen farbigen Flügeln, das dort leise wippend auf dem Blatt saß „Das bin ich sagte sie zu sich, das bin wirklich ich !”

Sie war zutiefst verwundert und erregt.

„Ich bin verwandelt !” dachte sie. „Ich bin vollkommen verwandelt !”

Die Sonne trocknete ihre Flügel, und sie begann zu fliegen. Zu den Bäumen des Frühlings flog sie, zu den kleinen Pflanzen auf dem Kohlfeld und zu all den anderen Herrlichkeiten am Feld und in den Gärten.

Sie war unsagbar glücklich und wusste, dass sie endlich das große Sein hinter dem Raupendasein gefunden hatte !

Sie musste es unbedingt den anderen Raupen erzählen

Sie fand sie alle an den bekannten Plätzen, aber keine von ihnen interessierte sich für Vanessas wundersame Verwandlung. Einige beklagten mit weinerlicher Stimme den Tod vieler Raupenfreunde. Andere saßen in ihre klugen Bücher vergraben, und wieder andere waren um Raupen-Gurus versammelt, die ihnen Unterricht in der heiligen Lehre der Raupen-Freiheit gaben.

Eigentlich waren es nur zwei Raupen, die dem Schmetterling Vanessa, der einmal eine Raupe gewesen war, zuhörten.

Die eine war ärgerlich

„Rede keinen Unsinn,” sagte sie. „Du warst eine Raupe? Raupen fliegen nicht!” Die zweite, eine kleine grüne sagte: „Na gut- dann zeig mir, wie du es gemacht hast.”

Ja, wie hatte sie es gemacht ? Sie hatte keine Ahnung, wie ihre so wundersame Wandlung geschehen war.

„Ich weiß es-nicht,’ antwortete_ sie, „ich weiß es wirklich nicht. Alles, was ich sagen kann ist, dass ich es aufgab, außerhalb von mir nach Erleuchtung zu suchen. Ich bin vollkommen in mich hineingegangen, in vollständiger Selbstaufgabe und Hingabe. Ich wollte sogar sterben Und dann, ganz ohne Anstrengung und ohne äußere Hilfe, ist es einfach geschehen. Alles, was ich dir sagen kann ist, dass das große Sein jenseits des Raupendaseins in dir selbst ist. Such es dort!”

Der Schmetterling breitete seine Flügel aus und flog davon.

Die kleine grüne Raupe war erstaunt und etwas verwirrt.

Eigentlich wusste sie überhaupt nicht, wovon der große Schmetterling gesprochen hatte.